Offener Brief an die Custombike

Offener Brief an die Custombike

Leserbrief von Zauselix 

Liebe Veranstalter der Custombike,

zunächst möchte ich mich ganz herzlich bei Euch bedanken, dass ihr mich eingeladen habt, gleich mit zwei Moppeds an Eurer Bikeshow im Rahmen der Custombike 2014 teil zu nehmen. Es hat mir und uns – der privaten Schraubergemeinschaft „Kackstuhl Kustoms“, die bislang keinerlei kommerzielle Ziele verfolgt – wieder großes Vergnügen bereitet, die mit Hingabe und Herzblut, aber auch mit Verstand und handwerklicher Perfektion angefertigten rollenden Skulpturen, mobilen Statements, motorisierten Zitate und auch die Motorräder, Moppeds, Eisenhaufen, Funkeleisen und Kackstühle zu bestaunen. Wir meinen, die Szene war insgesamt gut abgebildet, und hatten viel Freude daran, Details zu bestaunen und wieder dazu zu lernen.

Die Bandbreite der Gäste aus der Szene war gewaltig, von hochkarätigen Musikern über weltberühmte Customizer, durchgeknallte geniale Tüftler, Rockerikonen, die aus ihren Büchern lesen und aus ihrem Leben erzählen bis hin zu Rockabillies und Urban Hipsters war wieder die gesamte Szene vertreten um ein Wochenende lang ein friedliches Fest zu feiern und einer strukturschwachen Region Geld in die dörren Adern zu pumpen. Grandios! Mir persönlich ist auch positiv aufgefallen, dass alle, ob 1%er Prominenz, Motorradfreund, Oldschool-Rocker oder zauseliger Motorradhippie respektvoll offen und freundlich miteinander umgegangen sind. Das mag ich.

Wir haben mit Spannung die Preisverleihung beobachtet, und deren Ergebnisse unter uns, aber auch mit anderen Motorradfahrern diskutiert. In dem Zusammenhang habe ich ein paar Fragen:

Es geht mir nicht um Erbsenzählereien, wie der Frage ob das wunderschöne Mopped, das den „Best Bobber Preis“ gewonnen hat wirklich in meinen Augen ein Bobber war, oder das „Best Sportsbike“ wirklich sportlich bewegt werden kann.
Ich verstehe vielmehr nicht, weshalb bei der Wertung zum „Best of Show“ nur die Motorräder in Betracht gezogen werden, die innerhalb der Bikeshow stehen. Was ist mit der lustigen Thunderbike-Eisensportster mit dem NSU-Öltank? Was ist mit der genialen EVO-Sportster von Alteseisen.com, mit dem authentischen BMW Chopper beim Steve Schneiderbanger, oder mit der Crew-Knucklehead vom W&W Team, um nur einige, und diese keineswegs abschließend, zu nennen? Ich vermisse hier die Möglichkeit, dass tatsächlich die „Best Of Show“ gewählt werden kann.

In meinen Augen ergibt die Unterscheidung zwischen „Bikeshow“ und „Aussteller“ dann einen Sinn, wenn es eine Unterscheidung zwischen privaten, nicht kommerziellen Schraubern und Profis ist.

Wenn auch Profis, wie der diesjährige Gewinner, oder wie der Gewinner der „Roadster“ Wertung zugelassen werden, ist einerseits nicht verständlich, wo der Unterschied zu beispielsweise einem privaten Bike eines W&W Team Mitarbeiters dann noch besteht, weshalb das also nicht gewertet werden darf, und es ist gleichzeitig unfair gegenüber den „Garagenbastlern“, die z.B. kostspielige Werkzeuge zur Herstellung eines aus dem vollen Block gefrästen Billet Rückgrates nicht haben können. Ein unfairer Wettstreit in meinen Augen.

Ich wünsche mir zumindest einen Pokal, in dem die mit Herzblut selbst und ohne kommerzielle Interessen an ihren Bikes arbeitenden Schrauber unter sich bleiben, bei dem die Preisvoraussetzung die ist, dass das Motorrad mit einem gültigen Kennzeichen versehen aus eigener Kraft auf die Bühne hoch und auch auf der gegenüber liegenden Seite – die Anschaffung einer zweiten Rampe ist in meinen Augen längst überfällig – wieder runter fährt. Einen Preis für das real Machbare und im Alltag Umsetzbare sozusagen. Sobald einer Zettel unter sein Mopped legt, dass er auch für Geld umbaut, ist der eben aus der Wertung für diesen Preis genauso raus, wie ein bekannter Taiwanesischer oder ein Weißrussischer Customizer oder ein Mensch, der auf der Bühne erklärt, sein Kunde habe ihm eben den Auftrag gegeben, oder ein anderer, der eben einfach irgendwo irgendwas für 68 Kilo-Dollar gekauft hat und jetzt loszieht, um sich feiern zu lassen….

Warum ich mir das Wünsche? Weil ich mit zahlreichen anderen Besuchern Eurer schönen Veranstaltung darüber einig bin, dass die Messe kommerzieller wird, sich immer mehr den Zahlungskräftigen zuwendet und von den kulturprägenden Hinterhofschraubern entfernt. Das ist eine Art Gentrifizierung, die sich auf die Szene insgesamt nachteilig auswirkt.

Es geht nicht um eine Neid-Diskussion. Ich möchte keinen Preis für meine beiden ungeputzten Öfen. Ich habe bewusst zwei Allday-Driver ausgestellt, mit dem Alltagsstaub versehen und mit Nummernschildern mit gültigen Stempeln drauf, um der immer größer werdenden Anzahl von reinen Showbikes, unfahrbaren Skulpturen und Trailerqueens was entgegen zu setzen. Ich wünsche mir, das die Szene der Leute künftig besser beachtet wird, die tatsächlich solche Moppeds im Alltag fährt, selbst beschraubt und unsere auf gegenseitige Unterstützung und Wertschätzung gegründete Kultur in die entlegendsten Winkel dieser Welt transportiert.

Unsere Customizer Kultur hat diese Gesellschaft heimlich still und leise so geprägt, dass mittlerweile Skulls mit Crossbones auf Babysöckchen gedruckt werden, die ehemalige First Lady ihr Tattoo öffentlich präsentiert und nahezu jeder Kleinwagen ab Werk in Mattschwarz gekauft werden kann. Wenn wir diese Kultur jetzt einfach nur prostituieren, dann können wir es auch nicht besser, als der fucking mainstream.

My2cent und thanks for the show
der Zauselix

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COMMENTS

  • Steppenwolf

    Natürlich wird alles kommerzieller! Keine Frage! Was soll es auch sonst werden?! Jeder, der ernsthaft an seine Zukunft und das nicht nur des Überlebens Willen, denkt, denkt und tickt so. Er lebt ja schließlich davon und das, je kommerzieller, desto besser. Und einem Erfolgt, folgt der Nächste. Denn jeder Erfolgt zieht die Schmeißfliegen, die an dem Futter partizipieren wollen, magisch an. Und natürlich nicht umsonst, Nein, sie verstehen es mit ihrem unwiderstehlichen Businessplan aus einem einst unkorrumpierbaren Hinterhofgaragenschmuddelschrauber einen ehrbahren Idioten und Verräter seiner selbst zu formen. Zur Ehre eines zahlenden Publikums, das sich unter sich so gerne selbst beweihräuchert, oder aus weiten Fernen fasziniert, wenn auch ohne einen Schimmer von Ahnung, in ihrer Begeisterung allein sich selber huldigt.

    Gruß mit Respekt, Steppenwolf

    0
  • Iceangel

    Das ist für mich auch schon lange ein Grund, nicht mehr auf solche Veranstaltungen zu gehen, auf der in der Hauptsache nur noch die kommerzielle Customschmiede eine Chance auf Prämierung hat. Die ein Bike nicht bauen, weil ihnen das Herz dran hängt, sondern nur als Werbemittel für weitere Aufträge als gut bezahlten Kundenwunsch.
    Diese Glanzpferdchen kann ich mir auch in den einschlägigen Glanzheftchen anschauen, da muss ich nicht hunderte Kilometer dafür fahren.
    Was mir imponiert hat, war letztes Jahr die Choppertown Veranstaltung in Kaltenkirchen.
    Da wurden Eigenbauten von Tüftlern prämiert, an denen man erkennen konnte, dass da viel Herzblut drinsteckt.
    Wenn ich da den ein oder anderen gefragt hätte, ob ich das Bike käuflich erwerben kann, ich glaube der hätte mich erwürgt. Hahaha
    Die Bike`s fuhren auf die Bühne und auch wieder runter und hatten eine ganz normale Straßenzulassung. Die Jungs fuhren ihre Bike`s selber.
    Dort sah ich die ausgefallensten Kreationen, die auch ohne Probleme fahrbar waren.
    Ich wusste bis dahin gar nicht was alles geht.
    Am meisten hatte mich das Moped mit Opelmotor beeindruckt. Das war schon der Hammer, wie man einen solchen Motor in einem Moped verbauen konnte.
    Das erzeugt bei mir Respekt und nicht die Glanztüten aus der Schickimickiwelt der Edelcustomizer.
    Dort war alles vertreten, vom Ratbike bis zum Langgabler alles dabei.
    Und die absoluten Granaten waren zwei Typen, die ich dort kennenlernte, die uralte Kawamotoren in irgendwas bikeähnlichem verbauten.
    Ich bekam fast feuchte Augen, als ich die Motoren meiner Jugend wieder sah.
    Die Böcke hatten sogar TÜV, was ich für unmöglich hielt, da die Teile sogar Probleme hätten, beim Schrotthändler unterzukommen.
    Ich hatte schon den Verdacht, dass die beiden ein Ölfass mitschleppen müssen, um zu Hause anzukommen.
    Aber die Teile fuhren einwandfrei.
    Die beiden waren mir mal gleich sympathisch.
    Die Kollegen waren absolut super drauf, hat riesen Spaß gemacht.
    Zudem noch Red wiedergetroffen, duffy und Watchmen live kennengelernt, da war die Sache dann perfekt.
    Also Choppertown, das kann ich nur weiterempfehlen, da sind echte Garagen – und Hinterhofschrauber anzutreffen.
    Kein Eintritt.
    Zudem Essen und Trinken, sowie Campground mit Frühstück für kleines Geld.
    Kommerzveranstaltungen ziehen mich nicht mehr an.

    7+

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    • Steppenwolf

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